Ich gehe nur sehr selten zum Frisör. Will meinen: das letzte Mal war ich fünfzehn – und dann halt neulich. Wenn sie mich fragen, wird Schönheit in unserer Gesellschaft sowieso total überbewertet. Hab ich auch gleich dem Frisör gesagt. Er hieß Kai glaube ich. Ich solle mich schon mal hier hinsetzen und ein bißchen lesen, sagte mir Kai. Ich hätte schon gelesen Egal, sagte Kai. Neben mir saß eine Frau. Sie war sehr dick, hatte schlechte Haut und bekam die Frisur ihres Lebens…
… Kai fing an, mir die Haare mit einem Blumensprüher einzusprühen. Dann kämmte er sie alle nach unten, so dass ich richtig scheiße aussah, und fragte, ob ich schon lange nicht mehr beim Frisör war, oder die Haare ‘zielgerichtet’ lang wachsen ließ. Das machte mich stutzig – wie kam man denn Haare zielgerichtet wachsen lassen? Vielleicht eine tantrische Übung zu der ich noch nicht vorgedrungen war. “Lange nicht beim Frisör” sagte ich und stellte mir vor, dass ich jedes Haar an meinem Körper zielgerichtet wachsen ließ – durch die reine Kraft meines Willens. Der Dame wurde ein Spiegel vorgehalten – sie grunzte glücklich und folgte der Frisöse zur Kasse – eine sehr große Zahl wurde genannt, Kreditkarten gezückt – “Shampoo gibts in der Preisklasse dazu”, so die Friseuse. Lachen. Kai lacht nicht, er fragt mich, wie ich’s hinten haben wolle. “So lustige Fragen”, denke ich – “niemand würde sie außerhalb eines Frisörsalons verstehen”. Kai reibt mit ein Haarfinishing-Produkt in meine Haare und macht Voila-Bewegungen. Ich sehe aus wie er und finde mich lächerlich. “Supi” sage ich pflichtbewusst. An der Kasse steht ein kleines Schwein, wo “Kai” drauf steht. Ich schmeiße eine türkische Münze rein, die mir neulich als Zwei-Eurostück angedreht worden ist, gehe in den Regentag und denke an Haare, die zielgerichtet aus meinen Handinnenflächen sprießen.

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